Von Waldapotheke bis Weltall
Manche Wanderungen bringen uns auf einen Gipfel. Andere auf neue Gedanken. Wer in Oberbayern zu Fuß unterwegs ist, kann neben Kilometern auch jede Menge Wissen sammeln: darüber, was Bäume mit der Hausapotheke zu tun haben. Warum ein Fluss Platz zum Wandern braucht. Wie weit es eigentlich bis zum Neptun ist. Oder weshalb eine Landschaft nach mehr als 100 Jahren ganz anders aussieht als auf einem Gemälde.
Wir haben sechs Wege für Sie ausgesucht, auf denen Bewegen und Entdecken besonders schön zusammenspielen:
1. Waldwissen statt Waldbaden
Linde, Weide, Fichte: Wer dabei nur an Wald denkt, kennt noch nicht die ganze Geschichte. Im Bergsteigerdorf Sachrang im Chiemsee-Alpenland führt die rund zwei Kilometer lange Waldapotheke durch die Ortsumgebung. Und mitten hinein in das Wissen, das in heimischen Bäumen steckt. Unterwegs lässt sich nicht nur herausfinden, woran die verschiedenen Arten zu erkennen sind, sondern auch, welche Rolle sie früher in der Volksheilkunde spielten. Gerade im Herbst wird das Bestimmen zum kleinen Detektivspiel: Früchte, Samenstände und verfärbte Blätter liefern zusätzliche Hinweise. Große Steigungen? Fehlanzeige. Große Aha-Momente? Ziemlich wahrscheinlich.
2. „Lesen lernen“ in freier Wildbahn
Eine Spur im Sand, ein Vogel zwischen den Kiesbänken, eine Flussschleife, die gestern vielleicht noch anders aussah: In der Natur steht erstaunlich viel geschrieben – man muss nur wissen, wie man sie liest. Noch bis Ende Oktober zeigen Ranger und Gebietsbetreuer im Tölzer Land, worauf es sich zu achten lohnt. Ihre geführten Exkursionen führen unter anderem am Walchensee entlang, durch die Isarauen und in die Wildflusslandschaften rund um Vorderriß. Dabei geht es zu Orchideenstandorten und durch Moorgebiete oder an die Obere Isar. Statt trockener Theorie warten Biberspuren, seltene Kiesbrüter und die spannende Frage, warum ein Wildfluss ständig sein Aussehen verändert. Viele Touren sind leicht bis mittelschwer und mit festem Schuhwerk gut machbar. Und der Herbst? Hilft beim Hinschauen: Wenn die Vegetation lichter wird, werden Zusammenhänge sichtbar, die sich im Sommer gern hinter viel Grün verstecken.
3. Dem Hopfen hinterher
Wer Hopfen hauptsächlich aus dem Bierglas kennt, sollte ihn einmal in seinem natürlichen Habitat erleben. Bis zu sieben Meter rankt sich die Pflanze an den Gerüsten der Hallertau empor. Im September herrscht hier Hochbetrieb: Die grünen Dolden sind erntereif und auf den Feldern beginnt die Hopfenernte. Mittendrin führt der Hallertauer Hopfenlehrpfad rund um Wolnzach in etwa zwei Stunden durch die Kulturlandschaft. 26 Stationen erzählen, wie aus einer Kletterpflanze ein weltweit gefragter Rohstoff wurde – und warum die Hallertau als größtes zusammenhängendes Hopfenanbaugebiet der Welt gilt. Größere Steigungen gibt es nicht, weshalb die Runde auch für Familien, Genusswanderer und Radurlauber interessant ist. Und wer nach 26 Stationen noch nicht genug Hopfenwissen gesammelt hat, kann im Deutschen Hopfenmuseum in Wolnzach direkt weitermachen.
4. Einmal Neptun und zurück
Einmal durchs Sonnensystem spazieren und trotzdem rechtzeitig zum Essen zurück sein? In Scheyern funktioniert das. Auf dem Planetenweg werden kosmische Entfernungen auf rund 6,5 Kilometer heruntergerechnet. Los geht es bei der Sonne, dann folgen Merkur, Venus, Erde, Mond und Mars noch vergleichsweise dicht aufeinander. Danach heißt es: laufen. Denn spätestens zwischen Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun wird ziemlich anschaulich, wie gewaltig die Dimensionen unseres Sonnensystems tatsächlich sind. Die familienfreundliche Rundtour startet am Prielhof nahe dem Kloster Scheyern, dauert knapp zwei Stunden und lässt sich auch mit Kinderwagen begehen. Und nach dem Neptun landet man erstaunlich schnell wieder auf der Erde: Die letzten Schritte führen zur Klosterwirtschaft und Klosterbrauerei Scheyern.
5. Nasse Füße fürs Klima
Es wächst, wuchert und gluckert. Und unter der Oberfläche passiert noch viel mehr! Auf dem Moor-Erlebnis-Pfad in Inzell lässt sich entdecken, warum Moore zu den faszinierendsten Ökosystemen Mitteleuropas gehören. Die leicht begehbare Route führt über Wege und Stege durch die Moorlandschaft und erklärt, wie ein Moor überhaupt entsteht, warum es Kohlenstoff speichert und welche Bedeutung es für den Wasserhaushalt hat. Gleichzeitig zeigt sich, wie speziell Tiere und Pflanzen an diesen besonderen Lebensraum angepasst sind. Im Herbst bekommt das Ganze noch eine zusätzliche Ebene: Moose, Gräser und Heidepflanzen wechseln die Farben, die Vegetation wird lichter und die Struktur des Moors tritt deutlicher hervor. Wer hier entlanggeht, versteht ziemlich schnell, wie Moore gleichzeitig Lebensraum, Wasserspeicher und Klimaschützer sein können.
6. Gemalt? Gefunden!
Ein bisschen wie „Finde den Unterschied“ – nur mit mehr als 100 Jahren dazwischen. Auf dem rund 5,7 Kilometer langen Künstlerweg Dachau stehen Reproduktionen historischer Gemälde genau dort, wo einst ihre Motive lagen. An 18 Stationen lässt sich vergleichen: Was sahen Künstler wie Adolf Hölzel, Ludwig Dill und Arthur Langhammer damals. Und was sehen wir heute? Der Weg führt durch die Altstadt und entlang der Amper, vorbei an Wiesen, Flussauen und Ansichten, die Dachau Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Anziehungspunkt für Künstler aus ganz Europa machten. Licht, Landschaft und Perspektive werden dabei selbst zum Ausstellungsstück. Die nahezu steigungsfreie Runde eignet sich wunderbar für einen entspannten Halbtagesausflug.
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